Pferde sind Fluchttiere, aber was bedeutet dies für uns als Pferdeliebhaber und Reiter?

Wenn ein Pferd Gefahr wittert, kommen Verhaltensmuster, die auf lebenswichtigen und uralten Instinkten basieren, zum Vorschein. Die Vorfahren der heutigen domestizierten Hauspferde waren Steppentiere. Evolutionstechnisch hat sich ihr Körper an die Bedrohungen, die von verschiedenen Prädatoren ausgingen, über Jahrhunderte angepasst. Verschiedene anatomische und physiologische Merkmale haben sich ausgeprägt.

Bereits der Körperbau der Pferde deutet auf eine hohe Spezialisierung als Fluchttier hin. Pferde haben einen kompakten Rumpf und lange, schlanke Beine, die von Hufen getragen werden. Sie sind sogenannte Zehengänger, das heißt sie bewegen sich auf dem Teil des Fußes, der bei uns Menschen die Zehenspitze ist, fort. Evolutionshistorisch ist dies eine Anpassung, die zu einer Verlängerung der Gliedmaßen und Schrittlänge geführt hat. Dies ermöglicht es dem Pferd im Sprint Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometer pro Stunde zu erreichen.

Ein guter Geruchsinn, große, sehr bewegliche Ohren, sowie seitlich am Kopf ausgerichtete Augen, die es dem Pferd ermöglichen nahezu einen Blickwinkel von 360° zu haben -lediglich ein Bereich von 10° direkt hinter ihnen, sozusagen zwischen den Ohren ist nicht abgedeckt- ermöglichen es dem Pferd ihr Umfeld, seien es Wasser- und Futterquellen oder Bedrohungen wahrzunehmen.

Wenn eine Gefahr gewittert wird oder sich ein Feind nähert läuft eine instinktive Kaskade, auch „fight or flight response“ genannt, im Körper des Pferdes ab. Vom Gehirn werden Botenstoffe ausgesandt, welche die Freisetzung der exzitatorischen Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus der Nebenniere in die Kreislaufbahn fördern. Hierdurch kommt es, durch Gefäßverengungen im peripheren Kreislauf aber vor allem durch eine Entspeicherung der Milz (in diesem Organ speichert das Pferd rote Blutkörperchen, welche beispielsweise bei drohender Gefahr und Stress in die Blutbahn abgegeben werden können) zu einem Anstieg des Blutdrucks und des zur Verfügung stehenden Blutvolumens. Indem mehr Blut in den Kreislauf gelangt, steigt auch die Durchblutung der leistungsstarken Lungen der Pferde und insgesamt wird eine bessere Sauerstoffversorgung der Muskulatur und der zur Flucht benötigten Organe gewährleistet. Durch die Ausschüttung leistungsstimulierender Hormone steigt ebenfalls der Kortisolgehalt im Blut an wodurch sich der Blutzuckerspiegel erhöht. Diese Stressreaktion des Körpers bereitet den Körper optimal auf die Flucht vor. Sie hat aber auch negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel. Die körpereigene Abwehr wird geschwächt und lebenswichtige Stoffwechselprozesse werden temporär eingeschränkt.

Eine weitere Anpassung des Körpers stellt die Entwicklung eines speziellen Halteapparates in der Hinterhand der Pferde dar. Dieser ermöglicht es den Pferden, ohne körperlichen und energetischen Aufwand durch eine temporäre Fixierung der Kniescheibe, im Stehen zu schlafen und somit stets fluchtbereit zu sein. Pferde brauchen zudem deutlich weniger Schlaf als zum Beispiel Menschen. 2 Stunden am Tag reichen bereits aus. Diese bestehen meist aus kurzen Phasen von ca. 15 Minuten die meist im dösend im Stehen zugebracht werden. Allerdings braucht jedes Pferd auch Tiefschlafphasen, welche nur im Liegen erreicht werden.

Auch der Verdauungsapparat der Pferde hat sich an die drohenden Gefahren der Steppen angepasst. Im Gegensatz zu Fleischfressern, den sogenannten Jägern, haben Sie einen kleinen Magen und nehmen kontinuierlich kleine Mengen an Raufutter auf. Wenn Gefahr droht steht der Flucht nicht ein Verdauungsschlaf im Wege.

Wenn wir mit Pferden im Alltag umgehen, arbeiten und sie auf die Anforderungen im Spitzensport vorbereiten sollten wir stets im Hinterkopf ihre hohe Spezialisierung zum Fluchttier im Kopf behalten.

Wenn ein Pferd sich erschrickt oder in Panik gerät läuft unweigerlich die „fight or flight response“ ab. Da Pferde nur selten auf Bedrohungen mit Angriff reagieren, es sei denn sie sind in die Enge getrieben oder eine Stute verteidigt ihr Fohlen, werden sie meist versuchen die Flucht zu ergreifen. Hierdurch können für den Reiter, Pfleger und ebenfalls für das Pferd gefährliche Situationen entstehen. Viele Pferde erschrecken sich vor ungewohnten Reizen und Situationen und oftmals reagieren sie „kopflos“. Sie versuchen zu entkommen und nehmen hierbei ihre Umgebung nicht mehr wahr. Wir kennen es alle. Der Strick wird einem plötzlich durch die Hand gezogen, es wird auf einmal ein Haken geschlagen, gestiegen, umgedreht, haltlos weggaloppiert usw. Wichtig ist es diesem Verhalten mit Ruhe und Geduld entgegenzutreten und eine Vertrauensbasis zwischen Mensch und Pferd aufzubauen. Wenn wir Pferde von klein auf an auf ihre Aufgabe im heutigen Leben vorbereiten, ihnen zeigen, dass sie sich zwar auf ihre Instinkte verlassen können, diese aber mit uns an ihrer Seite durch positive Verstärkung und gezieltes Training kanalisiert werden können, werden wir stets einen leistungsfreudigen vierbeinigen Partner an unserer Seite haben.

Zudem sollten wir stets darauf achten, dass unsere Pferde zur Ruhe kommen, sich auf einem weichen Lager aus Stroh ablegen können und die Möglichkeit haben kontinuierlich Raufutter aufnehmen zu können.

Wenn Sie Fragen zu diesem oder anderen Themen haben, kontaktieren Sie mich gerne persönlich (lena@poloplus10.com). Foto: POLO+10/ Thomas Wirth