Die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) hat sich nicht nur den Schutz und Erhalt der Zeugnisse vergangener Kulturen, künstlerischer Meisterwerke und einzigartiger Naturlandschaften im Welterbeprogramm auf die Fahnen geschrieben, sondern vor zehn Jahren auch ein Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes verabschiedet. 2006 ist diese Konvention in Kraft getreten. Mehr als 150 Länder sind inzwischen beigetreten.
Es gibt drei verschiedene Listen: die Repräsentative Liste, die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes und das Register guter Praxisbeispiele. Alle drei Listen zusammen beinhalten derzeit 298 Einträge.
Aktuell läuft bei der UNESCO ein Antrag von Aserbaidschan, Chovgan – eine Urform des Polo – in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufzunehmen. Über diesen Antrag wird die UNESCO auf ihrer 8. Sitzung des Zwischenstaatlichen Ausschusses der Konvention zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes vom 2. bis 7. Dezember 2013 in Baku entscheiden.
Das Thema schlägt derzeit hohe Wellen. Wie unter anderem die Islamic Republic News Agency berichtet, protestiert Iran gegen Aserbaidschans Antrag. Mohammad-Ali Najafi, Chef von Irans Organisation für Kulturerbe, Handwerk und Tourismus (ICHHTO), forderte die UNESCO in einem Brief auf, Chovgan nicht als indigene aserbaidschanische Sportart, sondern als multi-nationalen Sport zu registrieren.
Mehdi Hojjat, Deputy Director ICHHTO, betont, dass auch Afghanistan, Pakistan, und Indien Anspruch das Spiel haben und erhebt ebenfalls Einspruch gegen Aserbaidschans Antrag: „Wir werden der UNESCO sagen, dass das traditionelle Spiel ein gemeinsames Element ist, dass nicht exklusiv im Name eines einzelnen Landes registriert werden darf.“
Das Thema erhitzt derzeit die Gemüter, selbst die New York Times berichtete darüber: → hier geht’s zum Artikel der New York Times
Auf Nachfrage von POLO+10 stellt Bahruz Nabiyev, Secretary General der Equestrian Federation of Azerbaijan Republic, noch einmal die Bedeutung von Chovgan für Aserbaidschan heraus: „Aserbaidschan gehört zu den Ländern, in denen Pferde domestiziert wurden und sich der Pferdesport kulturell herausbildete. In dieser Region gab es eine große Anzahl an aserbaidschanischen Pferden, genauer Karabakh-Pferden. Wenn man die Regeln von Chovgan einmal genauer betrachtet, was die Wahl der Pferde betrifft, dann wird deutlich, dass die lokale Spezies der aserbaidschanischen, genauer Karabakh-Pferde ideal ist. Das beschriebene Chovgan-Spiel taucht außerdem in den ältesten historischen Kunstwerken – der Miniaturmalerei – auf. Darüber hinaus findet sich das Spiel in den ältesten Schriften von Aserbaidschan. Bis heute haben die Aserbaidschaner das Spiel bewahrt und weiterentwickelt. Es ist unbestreitbar, dass sich das Spiel im Laufe der Zeit in die Nachbarregionen ausgebreitet hat – nach Süden, Norden und in andere asiatische und kaukasische Länder. Alles in allem können wir mit Sicherheit sagen, dass Chovgan eines der ältesten Reiterspiele Aserbaidschans ist.“
Selbstverständlich haben wir auch die Polo Federation of I.R. Iran um eine Stellungnahme gebeten, aber leider bisher keine Antwort erhalten.
Doch bevor der Puls auf 180 geht, sollte man sich einen wichtigen Punkt vergegenwärtigen:
Wie die UNESCO gegenüber POLO+10 versicherte, geht es bei der Liste der immateriellen Kulturgüter nicht um Exklusivität. Der Eintrag bestätigt lediglich, dass dieses Element traditionelles schützens- und erhaltenswertes Kulturgut der Menschheit ist und in der beantragenden Region ausgeübt wird. Die Beantragung der Aufnahme eines Elements in die Liste obliegt den einzelnen Nationen.
Wenn die UNESCO dem Antrag von Aserbaidschan stattgibt und Chovgan in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufnimmt, bedeutet das keineswegs, dass Chovgan dann als aserbaidschanische Sportart gekennzeichnet ist, sondern ist lediglich eine Aussage darüber, dass dieser traditionelle Sport in Aserbaidschan ausgeübt wird.
Wenn der Iran ebenfalls Anspruch auf Chovgan als schützenswertes Kulturgut erhebt und einen Eintrag in der Liste der immateriellen Kulturgüter anstrebt, hat er laut UNESCO jetzt zwei Möglichkeiten:
1. Der Iran kann eine Ergänzung des Eintrags von Aserbaidschan beantragen (vorausgesetzt, die UNESCO gibt dem Antrag von Aserbaidschan Anfang Dezember statt). Dann würden sowohl Aserbaidschan als auch Iran gleichberechtigt als ausübende Länder aufgeführt.
2. Der Iran kann bei der UNESCO kann einen zweiten, eigenen Eintrag beantragen.
Zur Veranschaulichung zwei Beispiele zu diesen beiden Alternativen:
1. Im Jahr 2010 wurde die mediterrane Ernährung in die Liste der immateriellen Kulturgüter aufgenommen. Spanien, Griechenland, Italien und Marokko waren damals die Antragsteller. Dieses Jahr haben Zypern und Kroatien eine Ergänzung um ihre beiden Länder beantragt, worüber ebenfalls im Dezember entschieden wird.
2. Im Fall des Kehlkopfgesangs Khoomei gibt es zwei Einträge. 2009 von China unter dem Namen „Mongolian art of singing, Khoomei“ (→ hier klicken) und 2010 von der Mongolei unter dem Namen „Mongolian traditional art of Khoomei“ (→ hier klicken). Es ist die gleiche Praktik, nur in zwei unterschiedlichen Ländern ausgeführt.