Den Begriff „Pferdeflüsterer“ kennt beinahe jeder, seitdem der gleichnamige Film Ende der neunziger Jahre die Menschen scharenweise in die Kinosäle zog. Aber was genau versteht man eigentlich unter den Begriffen „Pferdeflüsterei“ und „Natural-Horsemanship“? Wie sensibel Pferde auf die Körperhaltung des Menschen reagieren und das Pferd die Zweibeiner zu lesen scheint, demonstrierte Pferdeprofi und Natural-Horse-Trainer Frank Mierwaldt unserer POLO+10 Volontärin bei ihrem Besuch im Reitstall Hohenhorn in der Nähe von Hamburg. Ein Erfahrungsbericht darüber, wie die Körpersprache scheinbar so einiges über unser wahres Ich verrät.


„Gleich zu Beginn meines Besuches stellte mir der sympathische 52-jährige Pferde- und Menschen-Coach eine praktische Aufgabe. ‚Du gehst jetzt mitten durch die Pferdeherde und verhältst Dich wie ein guter Chef!‘ Mierwaldt stattete mich dazu mit einem 1,5 Meter langen Bändsel aus, das ich rhythmisch vor mir hin und her schwang. ‚Der „Horsemanstring“ hilft Dir. Aber eigentlich ist es Dein Körperausdruck, der die Pferde weichen lässt. Nimm Dein Kinn hoch, Bauchnabel nach vorne und gehe ruhigen Schrittes voran.‘

Ich bewegte mich ruhig auf die Pferdeherde zu, die mir wie eine undurchdringliche Wand aus mindestens zehn grasenden Pferdeleibern erschien. Die ersten Vierbeiner-Köpfe kamen hoch. Dann Mierwaldts Stimme hinter mir: ‚Etwas mehr Rhythmus. Klopf mit dem Band gegen Deine Jacke!‘ Wie bei ‚Sesam-öffne-Dich‘ bereiteten mir die Vierbeiner respektvoll eine breite Gasse. Ich hatte den Eindruck, dass einige eher unter einander gifteten, als irgendetwas gegen mich zu richten und entspannte merklich nach dieser Demonstration meiner ‚Alpha-Position‘.

Beim Natural-Horsemanship und seiner Variante des Natural-Horse-Trainings schaut der gelernte Fernmeldemeister genau, wie in der Pferdeherde kommuniziert wird. Dann überträgt er diese Grundsätze auf die Pferde-Mensch-Beziehung. ‚Angefangen habe ich damit, nachdem sich die Mauer um West-Berlin öffnete. Im für uns neuen Umland hatten wir Platz und viele Pferde. Pat Parelli kam mit seinem für uns neuen System. Ich interessierte mich sofort für die natürlichen Zusammenhänge. Bei mehreren USA-Besuchen Anfang der 1990er bildete ich mich dann auch bei anderen Trainern in diesen ursprünglichen Traditionen weiter. Desgleichen besuchte ich zahlreiche Kurse von authentischen Trainern hier in Deutschland. Der Weg zum Profi-Coach Fachrichtung Horsemanship war also vorgezeichnet.‘

Schwierigkeiten zwischen Pferd und Mensch haben ihre Ursache meist in einer unklaren Kommunikation. Pferde kommunizieren durch Körpersprache: durch die Stellung der Ohren, die Körperhaltung oder Bewegungen des Schweifes. Genau da setzt das Natural-Horse-Training an. Durch gezielte Übungen lernen Mensch und Tier einander neu kennen und verstehen. Frank Mierwaldt: ‚Das Natural-Horse-Training bringt Pferd und Mensch als eine Einheit und gutes harmonisches Team fair zusammen. Wir korrigieren Pferde und Besitzer, bilden aber auch gerne Pferde für alle Reitweisen aus.‘ Damit das Training erfolgreich ist, muss der Mensch einiges mitbringen: Er muss den Mut haben, sich selbst zu begegnen und offen für Veränderungen sein. Nur dann kann die klare Sprache des Pferdes gelernt und im Umgang mit dem Vierbeiner eingesetzt werden, um die Alpha-Position gegenüber dem Pferd für sich zu gewinnen und zu behalten.

In der Reithalle von Hohenhorn geht mein Lernprozess weiter: Das Alpha-Tier hat in der Herde das Recht, stets geradeaus zu gehen. Es kann die anderen Herdenmitglieder also von sich weg bewegen. Sie werden auf seinen Wunsch weichen. Genauso werden die als geborene Nachläufer geltenden Pferde ihrem Chef folgen. Das demonstrierte mir Frank Mierwaldt mit dem achtjährigen Quarter-Horse-Wallach Seven X Nic. Der Vierbeiner folgte seinem Herrchen auf Schritt und Tritt. Keine Leine oder irgendein anderes Hilfsmittel waren nötig, damit sich beide wie Spiegelbilder bewegten. ‚Probiere es mal aus‘, grinste er mich an. ‚Du musst im rechten Winkel starten. Kommt er mit der Nase zu Dir, dann häng ihn ab. Diesmal musst Du aber das Kinn einziehen und Deinen Bauchnabel gleich mit.‘

Tatsächlich merkte ich, wie ich dieses Pferd beeinflussen konnte und es mir folgte. Ich veränderte meine Körperhaltung und der Wallach passte sich mir an. Ich trabte, er trabte. Ich ging links und rechts, er tat es mir nach. Wenn ich beschleunigen wollte, schien Nic schon zu ahnen, was ich vorhatte. ‚Na klar. Pferde haben nur überlebt, wenn sie an den Körpersignalen ihres Gegenüber ablesen konnten, was der vorhat‘, erklärte mir Mierwaldt. Und weiter: ‚Unser Körper verrät unsere Gedanken. Für Pferde ist überhaupt nicht wichtig, was wir sagen, sondern was wir meinen. Unser Körper zeigt, ohne dass wir es wollen, unser wahres Ich. Das können Pferde lesen. Sie haben einen siebten Sinn für Körpersprache und ganz feine Veränderungen.‘ Ob wir es also wollen oder nicht – unser Körper verrät dem Pferd immer unser wahres Ich.“


Weitere Infos: www.mierwaldt.de