Als Manager International Sales and Marketing der Firma Otopront ist Thorsten Hemeyer rund um den Globus unterwegs. Eine seiner zahlreichen Geschäftsreisen führte ihn in den Army Polo & Riding Club in New Dehli. Ein Bericht aus dem Pololand Indien von Thorsten Hemeyer:


Als ich 2009 nach New Delhi fliege, um eine neue Technik in der Pferdechirurgie vorzustellen, weiß ich noch nicht, dass es sich dabei um die Polopferde der Regierung bzw. der Ehrengarde handelt und dass sich dadurch auch für mich neue interessante Kontakte und Möglichkeiten im Polo eröffnen sollten.

Saubere mit Stroh eingestreute Stallungen und gepflegte Pferde erwarten mich hier, ein Gewusel an Menschen auf dem Gelände. Man gewinnt den Eindruck, dass ein jedes Pferd einen Pfleger für sich alleine hat. Mein Repräsentant berichtet mir, dass es durchweg Polopferde sind und dass auch er vor sechs Monaten mit dem Polo begonnen habe. Meine Begeisterung lässt sich kaum noch im Zaum halten und ich vergesse fast, dass ich zum arbeiten hier bin. Ich schaue auf die Reiter, ein jeder über 190 cm. Man berichtet mir, dass das ein Minimum an Größe sei, um in der Leibgarde arbeiten zu dürfen. Ach so…ein jeder von ihnen ist übrigens Polospieler. Die, mit denen ich redete, hatten alle ein Handicap von +4 und höher.

Tausend Fragen gehen mir durch den Kopf.
Wo ist der Platz…? Darf ich ein Spiel besuchen? Ob die mich wohl auch mal spielen lassen…? Mein Repräsentant verspricht mir, dass er bei meinem nächsten Besuch im Poloclub der Army etwas für mich arrangieren wird.

2010…ich komme gerade aus Singapur, wo ich einige Stick& Ball-Stunden genommen habe und fliege weiter nach Delhi….Alles im Gepäck: Mallet, Stiefel…Knieschützer, eben alles, was man so für eine Geschäftsreise braucht ☺. Bereits beim Anflug auf Delhi fällt meine Kinnlade. Regen, Regen, Regen…leider ist das Feld durch den Monsun völlig überschwemmt und ich muss diesmal wirklich nur arbeiten.

Januar 2011…wieder geht es nach New Delhi. Zehn Taxi-Minuten vom Army Poloclub habe ich das Hyatt Hotel gebucht. Nach dem Einchecken erkundige ich mich nach einem netten Ort für eine Zigarre und einen Cognac, die Dame empfiehlt mir die Pololounge des Hotels.

Jupp!! Genau das habe ich gebraucht! Braune, lederne Ohrensessel und Chesterfield Couches in Zweier- oder Vierergruppen angeordnet. Ein großer offener Kamin und eine Bücherwand mit jeder Menge Material über Pferde und Polo. Eine Kassettendecke mit Stuck und Wände aus Edelholz, die mit einer Vielzahl s/w Fotos von heute, gestern und längst vergangenen Polozeiten erzählen. Nicht zu vergessen die erlesene Auswahl an Single Malt Whiskeys und Cognacs. Hier fühle ich mich wohl und mache die Lounge zu meinem Stammplatz für die nächsten Tage (treffe auch einige der Spieler wieder, die immer mal gerne hier vorbeischauen).

Mein Kontakt holt mich im Hotel ab:
You have to try the horses before we play…and you have to choose what suits you!
Mach ich doch gerne ☺

Die Sandbahn hier hat nichts mit der eintönigen Sandbahn zu tun, wie man sie aus Deutschland kennt. Runden drehen um das Polofeld herum gibt es hier nicht! Die Sandbahn durchzieht vier Meter breit das gesamte Areal…durch Wälder, Dschungel…wir passieren Wildscheine…und weiter an einem Tümpel vorbei …ganz und gar nicht eintönig…einfach nur toll.

Am nächsten Tag mache ich mich auf den Weg. Es ist nicht so einfach, in Club der Army zu kommen. Schon gar nicht als Ausländer mit Fotoapparat. Meine Kontakte helfen mir. Das Fotografieren bleibt trotzdem schwer, da hier ist das 61 Kavallerie Regiment stationiert ist. Alle Sparten der Reiterei sind hier vertreten. Wir passieren das Dressurviereck, den Springplatz, Vielseitigkeitsreiter kommen uns entgegen. Alles ist hier vertreten. Insgesamt umfasst die Anlage 225 Hektar!!!

Auf dem Weg zum Clubhaus passieren wir Polofeld 1, das legendäre Hauptfeld mit Tribüne. Das mintgrüne Clubhaus ist zweistöckig mit verglaster Kommentator-Kabine oben darauf. Es beherbergt ein kleines Sekretariat und einen großen Clubraum. Alles relativ schlicht und einfach, aber welcher deutsche Club hat überhaupt ein Clubhaus? Hier gibt es insgesamt drei Polofelder im Originalmaß und ein Arena Polofeld. Auf dem Weg zu Polofeld 3, wo auch die Pferde und das „Holzpferd“ untergebracht sind, passieren wir Poloplatz 2. Der wird gerade aufbereitet. Zwei Herren setzen die Boards und eine Vielzahl von Frauen arbeitet sich auf allen Vieren kniend, Meter für Meter vor, um Löcher zu stopfen, Steine, Unkraut und Moos zu entfernen. Weiter geht es zu Feld 3, überall herrscht reges militärisches Treiben…ich werde kritisch beäugt, denn offensichtlich bin ich ja fremd. Ich rechne damit, dass mir jeden Moment die Kamera abgenommen wird. Ich ziehe meine Jacke aus und das weiße La Martina Shirt kommt zum Vorschein. Jeder erkennt nun, dass ich Sachen Polo hier bin und grüßt mich freundlich.

Die Ankunft an Feld 3 ist sehr ernüchternd! Die Stallungen habe ich mir anders vorgestellt. Relativ einfache aus Naturstämmen gebaute Boxen, die meist mit nur ein oder zwei Querbalken verschlossen sind. Davor eine große halb heruntergelassene blaue Plane, die bei Sonne oder zu viel Regen herabgelassen werden kann. In den Boxen befinden sich gemauerte Tröge für Wasser und Futter. Die Pferde tragen ein Stallhalfter und sind in der Box angebunden während ein weiterer Strick am Hinterbein befestigt ist und zwei Meter weiter im Boden verankert. Ich verstehe nicht warum, und frage nach. Das sei die traditionelle militärische Art, die Pferde unterzubringen, es würde sie vor Verletzungen schützen, wenn sie sich hinlegen. Meinem Naturell hätte es entsprochen, meinen Unmut durch eine rege Diskussion auszudrücken…leider bin ich hier nicht in der Position dazu.

Ich komme ins Gespräch mit einem Spieler…Kein Soldat…..Man kann hier auch als indischer Zivilist oder Ex. Pat. Mitglied werden, sofern die Kontakte vorhanden sind und man eine weiße Weste hat. Es gäbe keinen einfacheren und preiswerteren Einstieg ins Polo als hier in Indien berichtet man mir, auch ohne eigene Pferde. Der Club soll der größte in Indien sein ….120 Polo Pferde sind hier untergebracht…davon 25 Polo Schulpferde…Die Stunde Stick and Ball mit Schulpferd kostet hier 2,00 EUR ( kein Schreibfehler ) Stick and Ball mit Trainer 4,00 EUR und das Spiel / Chukker mit Leihpferd 6,00 EUR. Für europäische Verhältnisse traumhaft…

Einer meiner Kontakte ist 17 Jahre alt / Schüler HC – 2 vor einem Jahr begonnen, sechs eigene Pferde. Wollte nicht fragen, womit Papa sein Geld verdient! Hat schon in Südafrika und Neuseeland gespielt.

Ein gutes Pferd:
I mean a very, very good „Indian TB“ that can go for high goal will cost you max 4000 $.
Indian TB…hatte ich in dieser Form noch nicht gehört, aber das mag wohl die eigene Bezeichnung sein. Vielmehr erkannte ich eine Vielzahl von Ursprüngen.

Einige klassische englische Vollblüter, andere zierlich und klein mit dem so typischen Kopf wie ihn die Araber haben, andere wiederum, ich meine mich nicht zu irren, mit den typischen Sichelohren der Marawi Pferde, also der typischen indischen Pferderasse aus Rajastan. Das können aber noch Überbleibsel aus früheren Einkreuzungen sein. Argentinische Importe habe man nur wenige…maximal 10.

Unterbringung des Pferde all inklusive…Groom…Futter…Vet…Irons…150 $ / Month. Das ist ebenfalls preiswert im Vergleich zu Deutschland.

An jeder Ecke wird hier gearbeitet, bandagiert, Bandagen aufgerollt, Sättel geputzt, gemistet. Ein Arbeiter verrichtet Ausbesserungsarbeiten am Stall…mit der Hand bearbeitet er den Putz, eine Mauerkelle hat er nicht. Während die Vorbereitungen für das Chucker in Vorbereitung sind, kocht eine Frau am offenen Feuer in riesigen Töpfen für die Belegschaft. Es erinnert eher an Camping und hat mit der Lounge in meinem Hotel wenig zu tun.

Am Sandplatz steht ein Groom mit einem jungem Pferd an der Longe….Es darf sich nach Herzenslust im Sand wälzen und bewegen wie es möchte. Er hat alle Zeit der Welt. Als ich gehe, ist er immer noch da…mit demselben Pferd. Unzählige Hunde laufen umher. Einer der Soldaten zieht sein Hemd aus und wäscht sich am Brunnen, mit dem Eimer in der Hand übergießt er sich immer wieder mit Wasser. Das machen auch die Grooms mit den Pferden, die ein Chucker hinter sich haben, Abkühlung tut gut. Dann auf den Sandplatz zum Wälzen.

Die Pferde sind fertig, das Chukker beginnt. Ein Sikh steigt auf sein Pferd….Ich frage mich: Wie passt der unter den Helm…gar nicht…ein echter Sikh reitet ohne Helm. Immer dabei der Chef Trainer in allen Sparten, zu erkennen am englischen Reithelm. In jedem Chucker hat er ein neues junges Pferd unter dem Sattel.

Verblüfft hat mich immer wieder das Rote Tuch bzw. der rote Schal…am Pferd des Trainers. Standing Martingals sieht man hier nur selten. Stattdessen wird kunstvoll verknotet ein bunter Schal vom Sattelgurt zum Kinnriemen geführt. Welch Aufwand. Ich vermutete, dass er damit kennzeichnete, für jeden anderen Spieler ersichtlich: reitet nicht so hart ab…nehmt Rücksicht…das ist ein junges/neues Pferd in der Ausbildung. Weit gefehlt ! Es ist Tradition. Warum kann man mir auch nicht erklären. Denn es ist doch so viel mehr Aufwand, dieses Ding zu knoten. Es ist Tradition und das ist auch auf offiziellen Turnieren noch so, rot, gelb, blau, alle Farben vertreten.

Auch hier fahren die Patrons bis zum Spielfeldrand, der Hund ist auch dabei… Jack Russel …Labrador… Irgendwie ist es so anders hier, aber trotzdem genauso wie bei uns.

Die Zeit drängt und wir verabschieden uns. Auf dem Rückweg legen wir noch einen Zwischenstopp bei D. Minsen zwischen Janpath und Connaught Place ein.

Edward und Violett Chiu stellen hier seit Jahren Poloboots nach Maß her, verkaufen Polosticks und Helme und reparieren das ganze Sortiment. Viele der bekannten Spieler haben hier ihren Leisten stehen oder sind in dem dicken Buch mit Maßen und Zeichnungen erfasst. Auch ich lasse Maß nehmen und suche mir in den Regalen mit fertigen Stiefeln Farbe und Model aus. Die meisten Stiefel sind Cognac Farben….Das Leder ist butterweich… Ich würde sagen, nur halb so stark wie das meiner argentinischen Boots, aber prima verarbeitet. Die Zeit drängt. Wir machen uns auf den Weg ins Hotel. Ich werde wieder kommen, bei meinem nächsten Indien Trip. Ich könnte noch so viel schreiben über Polo in Indien und über den Namen Singh, den man automatisch Polo verbindet, aber das würde den Rahmen sprengen. Jetzt geht es in die Polo Lounge zu einem Drink. Morgen geht es nach Dubai, wo ich mir für die Feierabendstunden Chucker gebucht habe, in zwei Monaten nach Australien und in vier Monaten in den Sudan, wenn die politische Lage es erlaubt.

Winston („A Polo Handicap is the passport to the World“) hatte recht, auch wenn es in meinem Fall NOHC ist.

Wer Interesse hat an schönen, alten und neuen Polo-Bildern vom Ursprung bis heute, der sollte sich den Bildband von Singh bestellen „Polo in India“, 190 Seiten prall gefüllt mit Bildern und Informationen im Format 30 x 30, ISBN 978-81-7436-451-7. Viele der Bilder, die ich in der Polo Lounge vorfand, sind auch in diesem Bildband wiederzufinden. Ich habe für das Buch umgerechnet 40 EUR bezahlt.


Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  


Army Polo & Riding Club, New Dehli: www.armypoloclub.com



Über den Autor:
Dipl.Ing. Thorsten Hemeyer ist Manager International Sales and Marketing der Firma Otopront, dem führenden Hersteller für HNO-Medizintechnik mit Vertriebs- und Servicevertretungen in über 60 Ländern. Wann immer es die Zeit und das Land erlauben, schwingt sich Thorsten Hemeyer aufs Pferd. „So lernt man am besten Land und Leute kennen und knüpft Kontakte“, so Hemeyer. So hat er z.B. einen Trekkingritt durch den karibischen Dschungel und einen Dreitageritt durch die Rocky Mountains mitgemacht. Ein Highlight war eine Einladung in den Stall von HRH Haya bint Hussein in Jordanien, der Tochter von König Hussein und heute die Ehefrau vom HRH Mohammed al Maktoum / Dubai. Mit dem Polo angefangen hat bei Hemeyer alles mit Polokurs 2009 bei Thomas Winter. Da sein Job ihn fast jeden Monat einmal nach Dubai bringt, spielt er dort regelmäßig Chucker. Thorsten Hemeyer : „Polo ist für mich die einzigartigste Möglichkeit zu entspannen und abzuschalten, da hier alle Sinne gefordert sind.“


Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer  Bild: Thorsten Hemeyer