Text: Tracey Sheeran

Noch vor der irischen Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1922 waren viele britische Truppen in Irland stationiert. Bereits 1868 spielte das 10. Husarenregiment ihr erstes „freundschaftliches“ Match. Das erste „offizielle“ Polospiel fand zwei Jahre später in Gormanstown Strand statt, bei dem einheimische Spieler gegen das Team des 9. Lancerregiments antraten. Der zweitälteste Club in Europa, der All Ireland Polo Club, wurde im Jahre 1872 von Horace Rochefort im Phoenix Park in Dublin gegründet. Als ein öffentlicher Park konnte es der Club nicht unterbinden, dass dort auch andere Sportarten wie Weitwurf, Wrestling und Fußball – der Fußballverein Bohemian spielte dort in den 1890ern sein erstes Spiel – stattfanden. Der Öffentlichkeit frei zugänglich, versammelten sich dort bald Scharren von Zuschauern, die am Sonntagnachmittag die Polospiele verfolgten. 1909 wurden bei einem Spiel schätzungsweise 30.000 Zuschauer gezählt! Der Club ist einer der schönsten der Welt, nur vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, liegt er zwischen dem Dubliner Zoo und dem Áras an Uachtaráin, dem offiziellen Präsidentenhaus. Der damalige Präsident Jack Lynch installierte hier in den 60ern sogar einen Privateingang, sodass er durch den geheimen Zugang zum Club schlüpfen konnte, um dort in aller Ruhe sein abendliches „Pint“ Guinness zu genießen. Am Anfang folgten die Iren einer für sie eher typisch lockeren Spielhaltung und spielten einen „Fünf-gegen-Fünf-Kampf“ ohne feste Regeln und ohne soliden Kopfschutz – sodass das erste Opfer im modernen Polosport überhaupt erstmals 1877 im Dubliner Club erwähnt wurde. Bei dem Toten handelte es sich um Robert Darleys, dessen Pony stürzte und dabei seinen Schädel zertrümmerte.

Einer der größten Polospieler aller Zeiten war der legendäre Ire Captain John Watson aus dem 13. Husarenregiment, der jedes international namhafte Turnier in seiner Umgebung gewann. Er war der erste, der den Rückwärtsschlag einführte, wohingegen er selbst nur den „offside“ Schlag ausführte. Er legte das Konzept der festen Positionen für Teamspieler fest und half dabei, die offiziellen HPA-Polo-Regeln zu schreiben, die 1875 eingeführt wurden. Horace A. Laffaye, der Autor von „The Evolution of Polo“, zitierte einmal folgendes über Watson: „Er etablierte Polo als Spiel für alle, trieb die Entwicklung des Sports voran, gab ihm ein System und eine Wissenschaft.“ Der Polosport eroberte allmählich ganz Irland. Viele der regionalen Clubs entstanden im frühen 20. Jahrhundert. In Irland war es im Vergleich zu Großbritannien noch relativ günstig, Polo zu spielen. Auf dem fruchtbaren Grasland brachte das Land qualitativ hochwertige Vollblutpferde hervor, die relativ günstig in ihrer Haltung waren. Oft waren diese Pferde auch „Allroundtalente“: Im Sommer spielte man mit ihnen Polo und im Winter ging man mit ihnen auf Fuchsjagd.

Ein anderer legendärer Polospieler, Major Hugh Dawnay, gründete den Whitfield Platz im Kreis Waterford und damit die erste bewohnbare Polo Schule in Europa. Dawnay war auch Autor der maßgebenden Bücher „Polo Vision“ und „Playmaker Polo“. Sein Vater, David Dawnay, gewann bereits 1936 im britischen Team bei den Olympischen Spielen in Berlin eine Silbermedaille. Sein Sohn Sebastian (+4) repräsentiert mittlerweile auf internationaler Ebene das United Kingdom. Heute hat Irland, nach HPA-Regeln, acht registrierte Clubs und mehrere selbständige – alle in der Low Goal Leistungsklasse. Der wichtigste Club ist Polo Wicklow, 1993 von dem Berliner Michael Herbst gegründet. Wicklow verfügt über zwei Anlagen: das Hauptclubhaus mit Stallungen und einer Poloarena sowie Ballyhenry, ein georgianisches Landgut mit zwei Grasfeldern. Besucher sind hier durchaus willkommen. Der Club beherbergte bereits eine Vielzahl von Polospielern aus Deutschland. Einige unter ihnen kommen, um irische Vollblut-Poloponys zu kaufen. Das jährliche Ladies Tournament, das bereits zum 13. Mal stattfindet, zieht Teams aus aller Welt an. Wicklow veranstaltet während der Wintersaison regelmäßig auch andere Turniere und bietet Jagd- und Polowochenenden an. Der Jagdtag kann aber nur von erfahrenen Reitern gebucht werden, denen gewöhnlich ein starker Whiskey angeboten wird, bevor sie zur Jagd aufbrechen!

Im All Ireland Polo Club in Dublin wird immer noch drei Tage die Woche gespielt. Seit langer Zeit werden dort zwei Turniere veranstaltet, der historische Freebooter’s Cup, von Captain John Watson um die Jahrhundertwende eingeführt, und das Horse Show Turnier, das zeitlich immer mit der Internationalen Pferdeschau im August in Dublin zusammenfällt. Das original viktorianische Clubhaus wurde bei einem Feuer 1987 schwer beschädigt, konnte aber originalgetreu mit der eleganten Brüstung und den aufwendigen Holzarbeiten wieder aufgebaut werden. Der Club besitzt keine eigenen Pferde, deshalb bringen Gastspieler ihre eigenen oder nutzen die anderer Mitglieder. Die kleineren Clubs des Landes sind Bunclody, Waterford, Limerick, Moyne, Curragmore und Nordirland. Die Clubs haben in der Regel eine ruhige und freundliche Atmosphäre. Während der anstrengenden Sommersaison von Mai bis September treffen sich die Clubmitglieder viel, um gegeneinander anzutreten – wenn das Wetter es zulässt. Man sagt dort, dass es nur zwei Mal pro Woche in Irland regnet, ein Mal für drei Tage, das andere Mal für vier. Irland hat einige internationale Topklasse-Polospieler hervorgebracht. Die höchsten Handicaps in Irland haben zurzeit die Jugendlichen Jamie McCarthy (+2) und Michael Connelly (+2). Die führenden Teams sind Polo Wicklow, Horseware, Neptune und Tyrone.