Mit 22 Jahren und einem Handicap von 0 gehört Laura Gissler-Weber vom Bentheimer Polo & Country Club zu den vielversprechendsten weiblichen Nachwuchsspielerinnen in Deutschland. Beim Polopicknick in Münster Ende Juli hat Laura Vele, Redaktionsvolontärin bei POLO+10, ihre Namenskollegin getroffen und sich bei einem Interview hinter die Kulissen des Poloturniers führen lassen, wo sie das kleine 1×1 von der Ausrüstung eines Polopferdes gezeigt bekam. Ein Erfahrungsbericht und Interview mit Polospielerin Laura Gissler-Weber, die man vom 30. August bis 1. September um den Frankfurt Gold Cup spielen sehen kann.

In den provisorischen Pferdeställen ging es – vielleicht auch wegen des warmen Wetters – erstaunlich ruhig zu. Einige Pferde dösten ruhig in ihren Boxen, andere wurden von den Grooms für das nächste Spiel vorbereitet. Ein erfahrener Groom macht ein Polopferd innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten spielfertig, während die Ausrüstung mit den vielen Lederriemen auf einen Laien hingegen schnell verwirrend wirken kann. Fest steht aber: alles hat seine Funktion und dient oft dem Schutz der Pferde oder der Spieler.

Was die Ausrüstung eines Polopferdes insbesondere von der eines „normalen“ Freizeitreitpferdes unterscheidet, ist der Sattel. Polosättel haben keine sogenannten Pauschen auf den Sattelblättern, damit der Spieler beweglicher ist und sich besser aus dem Sattel lehnen kann. Traditionell gibt es statt der gewöhnlichen Schnallen am Sattelgurt einen Ring, durch den ein Lederriemen gewickelt wird, bis der Sattelgurt fest sitzt. Zusätzlich haben Polosättel noch einen weiteren Sicherheitsgurt, der über den Sattel gespannt wird.

Geritten wird meistens mit einem doppelt gebrochenen Gebiss oder einem Pelham, einem ungebrochenen Stangengebiss. Welches Gebiss verwendet wird, ist je nach Temperament des Pferdes individuell. Hilfszügel dienen der besseren Kontrolle des Pferdes.

Die Beine des Pferdes werden durch dicke Bandagen und Gamaschen geschützt. Damit sich beim weiten Ausholen des Schlägers der Stick nicht im Schweif des Pferdes verfängt, wird dieser geflochten und mit Tape hochgebunden; bei der ganz traditionellen Variante wird der Schweif mit den eigenen Schweifhaaren des Pferdes hochgebunden. Auch die kurz geschorene Mähne dient nicht der Optik, sondern verhindert das Verfangen in den Zügeln. Stollen in den Hinterhufen der Pferde bieten bei schnellen Sprints, Stopps und Wendungen den benötigten Halt und guten Grip.


POLO+10: Wann hast du angefangen Polo zu spielen und wie kam es dazu?
Laura Gissler-Weber: Mein Vater spielt seit 25 Jahren Polo, das heißt ich bin damit aufgewachsen und bin auch schon immer geritten. Als ich zwölf oder dreizehn Jahre alt war, habe ich mit Stick & Ball angefangen. Dabei ist man normalerweise ohne Gegner mit seinem Pferd auf dem Platz und übt mit dem Schläger. Dann habe ich eine zeitlang fast gar nicht gespielt und später, so mit 17 oder 18 Jahren, angefangen, auch ein paar Turniere zu spielen. Davor habe ich ab und an im Club Chukker gespielt, das sind Trainingsmatches, die man wöchentlich in den Clubs spielt, die vor allem auch dem Training der Pferde dienen.

POLO+10: Du hast aktuell ein Handicap von 0 – hast du dir eine Frist gesetzt, wann du die +1 spielen möchtest?
Laura Gissler-Weber: Sobald man das erste offizielle DPV-Turnier spielt, bekommt man ein Handicap von -2. Dann gibt es eine Handicapkommission, die über eine Verbesserung jedes Spielers entscheidet. Wenn man erst mal verstanden hat, um was es im Spiel geht und worauf es ankommt, anstatt nur mitzureiten und für das Team, insbesondere durch Fouls, eher eine Belastung zu sein, dann wird man auch relativ schnell auf die -1 hochgesetzt. Dafür muss man als Spieler hier und da den Ball mitnehmen oder mal jemanden abreiten oder sticken. Mit Handicap 0 sollte man schon in der Lage sein, dem Team durch sein Spiel wirklich zu helfen. Als Frau ist es etwas schwieriger schnell gut zu werden, da Männer einfach die körperlich besseren Voraussetzungen mitbringen. Als Frau muss man zum Beispiel eine sehr gute Technik haben, um so weit schlagen zu können wie es die meisten Männer mit Leichtigkeit tun. Eva Brühl ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Sie steht durch ihre gute Technik den Männern in nichts nach. Eva ist mit einem Handicap von +2 die mit Abstand beste deutsche Spielerin. Es gibt gerade keine Frau in Deutschland, die eine +1 spielt. Ich habe es mir zum Ziel gesetzt irgendwann das Handicap von +1 zu erlangen. Wie lange das dauern wird ist schwierig einzuschätzen. Ich möchte dieses Jahr im Herbst nach Argentinien. Wenn ich es schaffe dort viel mit guten Spielern zu spielen, aber auch noch viel über die Pferde zu lernen, dann klappt es hoffentlich in den nächsten Jahren. Eine +1 dann auch wirklich zu spielen erfordert jedoch viel Training und sehr gut gerittene Pferde.

POLO+10: Was fasziniert dich besonders am Polo-Sport?
Laura Gissler-Weber: Man hat so viele Komponenten in diesem Sport. Es ist ein Pferdesport, trotzdem ein Teamsport und zudem noch ein Ballsport. Man muss eigentlich alles können: Ballgefühl haben, ein Teamplayer sein und dazu der Umgang mit den Pferden. Auch die Geschwindigkeit fasziniert mich, das ist einfach ein tolles, unbeschreibliches Gefühl auf dem Pferd. Diese Kombination ist wirklich einzigartig und sehr abwechslungsreich. Polo ist wie ein Virus, wenn man einmal angefangen hat, dann kommt es eigentlich nicht vor, dass jemand einfach so damit aufhört. Aber der Sport nimmt natürlich auch sehr viel Zeit in Anspruch.

POLO+10: Seit wann bist du beim Polopicknick dabei?
Laura Gissler-Weber: Ich bin zum dritten Mal beim Polopicknick dabei. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal selbst, zusammen mit meinem Vater, mitgespielt. Der ist hier dieses Jahr kurzfristig für einen anderen Spieler eingesprungen, so kommt es, dass ich dieses Mal als Fan dabei bin. Außerdem ist das Polopicknick ein ganz besonderes Turnier mit einer tollen Atmosphäre. Nächstes Jahr würde ich gerne noch einmal selbst mitspielen.

POLO+10: Wie unterscheidet sich das Polopicknick von anderen Turnieren?
Laura Gissler-Weber: Die Organisation ist sehr professionell. Beim Polopicknick wird einerseits großer Wert auf den Sport gelegt. So sind zum Beispiel die Plätze super in Schuss und auch für die Pferde ist sehr gut gesorgt. Andererseits sind hier auch jede Menge Zuschauer auf dieser großen Picknickfläche. Es fasziniert mich, dass so viele Menschen her kommen, die nichts mit dem Sport zu tun haben, aber die sehr interessiert sind und es genießen hier zu sein. Sebastian Schneberger hat es wirklich geschafft, die Münsteraner für den Sport zu begeistern und das ist wirklich toll.

POLO+10: Was macht einen guten Spieler aus, gibt es bestimmte Voraussetzungen, die man mitbringen muss?
Laura Gissler-Weber: Geduld, sehr viel Geduld. Polo ist kein Sport, bei dem man sagen kann: Ich setz mich aufs Pferd und dann kann ich das sofort. Es ist ein sehr komplexer Sport, bei dem man sich sehr intensiv mit den Regeln auseinandersetzen muss. Und man muss taktisch denken können. Gute Spieler zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Spiel lesen können. Das macht nachher im Spiel den Unterschied aus. Dass man weiß und vorhersehen kann, wie die Spielzüge ablaufen werden und sich dementsprechend platziert. Man muss den Drang und den Ehrgeiz haben, sich unentwegt weiter verbessern zu wollen. Schlagvarianten, verschiedene Spielzüge, es gibt so viele Kleinigkeiten, die man immer noch verbessern kann. Gerade in Deutschland gibt es für die Polospieler noch so viel Spielraum nach oben. Der beste deutsche Spieler hat eine +5, die Besten der Welt ein Handicap von +10.

POLO+10: Hast du Anfängertipps?
Laura Gissler-Weber: Ganz wichtig: so viel wie möglich reiten. Selbst wenn man schon reiten kann, ist das in der Regel ein ganz anderes Reiten als das, was von Pferd und Reiter beim Polo gefordert wird. Und das Schlagen des Balls mit dem Stick macht es natürlich nicht einfacher. Wenn man die Schläge alleine sicher beherrscht, heißt das noch nicht, dass man sie auch im Spiel sicher schlagen kann. Das sollte man versuchen zu erreichen. Aber vor allem sollte man viel mit besseren Spielern spielen und sich von ihnen bei jeder Gelegenheit Tipps holen und sich erklären lassen, wie das Spiel funktioniert. Die Theorie ist wichtig und ohne strenge Regeln wäre der Sport für Reiter und Pferd gefährlich. Man lernt Polo wirklich nur dadurch, indem man mit besseren Spielern spielt. Und natürlich indem man selbst spielt, spielt, spielt.


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