Leidenschaft und Eleganz

Polo ist ein Spiel für Techniker, Taktiker und Kämpfer. Wer den Spielverlauf nicht intuitiv erahnt und kein Auge für besser stehende Teamkollegen hat, wird es nicht einmal zum durchschnittlichen Spieler bringen. Schnell, wendig und nervenstark – die Attribute eines guten Polopferdes. Die Zucht dieser Pferde avancierte zu einer eigenen Art von Wissenschaft.

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© Jacques Toffi

Im Vergleich mit den großen Polonationen wie Argentinien, Großbritannien und den USA ist der Sport hierzulande bislang noch in einer relativ kleinen Szene verhaftet. Aber: In den letzten Jahren hat sich auch hier polotechnisch so Einiges bewegt. Mehr und mehr emanzipiert sich der Sport von seinem Nischendasein, neue Clubs schießen förmlich wie Pilze aus dem Boden. Und immer mehr Polofans möchten nicht mehr nur vom Spielfeldrand die faszinierende Mischung aus Technik, Geschwindigkeit und Teamgeist erleben, sondern selber im Sattel sitzen und aktiv den Reiz des dynamischen Sports spüren. Polounterricht mit geliehenen Pferden und unter professioneller Anleitung wird salonfähig. Poloschulen etablieren sich.

Eine eigene Sprache sprechen auch die wachsenden Besucherzahlen der großen Turniere. Die Pologemeinde wächst. Unerlässlich sind für Neueinsteiger – auch wenn sie Polo in dieser Saison nur vom Spielfeldrand erkunden wollen – ein paar grundlegende Kenntnisse über das Spiel. Im Schnelldurchlauf werfen wir also einen Blick auf die wichtigsten Eckdaten des Jahrtausende alten Ballspiels, dessen Faszination sich kaum einer entziehen kann.

Die wichtigste Regel im Polo Sport ist das sogenannte Wegerecht bzw. die „Line of the Ball“: Kein Spieler darf die Linie des Balles kreuzen.

Das Spielfeld ist ungefähr siebenmal so groß wie ein gemeiner Fußballplatz. Allerdings: Die Größe eines Polofeldes kann durchaus variieren – was sie häufig auch tut. Weidenrohrpfosten, die aus Sicherheitsgründen nicht fest im Boden verankert sind, markieren die 7,32 Meter breiten und nach oben offenen Tore. Gespielt wird mit vier Spielern pro Mannschaft in meistens vier Spielabschnitten, den so genannten Chuckern. Ein Chucker dauert 7,5 Minuten, wobei wie im Eishockey die reine Spielzeit zählt. Bei Fouls steht also die Uhr. Während es sich für den Reiter geziemt, die volle Spieldauer durchzuhalten, darf ein Pferd niemals in zwei Chuckern nacheinander eingesetzt werden. Schutz und Sicherheit der Pferde stehen im Polosport immer an erster Stelle. Löst sich beispielsweise eine Bandage des Pferdes, wird abgepfiffen. Beim harmlosen Sturz eines Reiters dagegen geht das Spiel weiter. Kurz gerechnet: Zwei Pferde sind das Minimum, was ein Polospieler an turniermäßigem Beritt zur Verfügung haben muss. Vier Pferde sind professionell – fünf optimal für den Fall der Fälle. Manche reisen gar mit sechs Pferden an.

Kurios oder traditionsreich: Nach jedem Tor wechselt die Spielrichtung. Viele Zuschauer und manchen Poloanfänger irritiert diese Regelung zutiefst, die ihre Wurzeln in den heißen und sonnigen Kolonien hat, wo das Spiel gegen die blendende Sonne ein echter Nachteil war. Zudem verhindert die Regel, dass bei einseitig verlaufenden Matches die Torregion der schwächeren Mannschaft umgehend und nachhaltig ihrer Grasnarbe entledigt wird. Vergleichbar dem Golf ist auch beim Polo – das zwischen 1908 und 1936 Olympische Disziplin war – jeder Spieler mit einem individuellen Handicap ausgestattet. Tor- und Turniererfolge schrauben eben dieses nach oben. Dabei reicht die Einstufung des Handicaps von -2 bei Anfängern bis zur recht seltenen +10. Mancher Argentinier würde selbst die 10-Goaler-Obergrenze mit Superlativen sprengen – wenn es die internationalen Regeln denn zulassen würden.

Die wichtigsten Akteure im Polo Sport sind nicht die Player, sondern die Pferde.

Die besten deutschen Spieler liegen in Leistungsklassen von +4 und +5. Eben diese Kategorisierungen sind auch ausschlaggebend für die Zusammensetzung der Poloteams. Die Handicaps der vier Einzelspieler addiert ergeben die Mannschaftsstärke – das so genannte Team-Handicap. Turniermäßig ausgeschrieben werden Leistungsklassen vom „Low Goal“ bis zum „High Goal“, Beschränkungen und Handicaplimits inklusive. Polo ist ein Spiel für Taktiker und Techniker. Akrobatik kommt ins Spiel, wenn es darum geht, den 130-Gramm-Ball mit einem Durchmesser von 7,5 Zentimetern mit dem 51 Zoll langen Bambusstock aus vollem Galopp ins gegnerische Tor zu befördern. Decken des Gegners, taktische Übersicht und Präzision sind dabei die Schlüssel zum Erfolg. Die Erfahrung hat gezeigt: Wer die Spielentwicklung nicht instinktiv spürt und besser platzierte Spieler nicht sieht, wird niemals auch nur ein durchschnittlicher Polospieler. Die Erfahrung zeigt ebenfalls: Gerade bei Anfängern sind es oftmals die Pferde, die schneller als ihre Reiter auf die Entwicklung des Spiels reagieren.

In der Zucht der Pferde liegt denn auch ein besonderes Geheimnis und eine eigene Historie. Der englische Vollbluthengst „Rosewater“ und seine Söhne wurden zu den Stammvätern des heutigen Polopferdes. Lange bevor Polo auf dem europäischen Kontinent überhaupt bekannt war, erfreute sich das rasante Spiel im asiatischen Raum einer überaus großen Beliebtheit. Von dieser Begeisterung ließen sich die britischen Offiziere, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Indien stationiert waren, anstecken. Wieder zurück in ihrer Heimat wollten sie auf die liebgewonnene Freizeitbeschäftigung nicht mehr verzichten. Der dort im Jahre 1876 gegründete Hurlingham Polo Club schrieb die Poloregeln erstmals fest. Bis heute werden sie im internationalen Sport zitiert.

Durch die Briten gelangte das Spiel nach Amerika, die das Handicap-System beisteuerten, welches 1910 von den Engländern und Indern übernommen wurde. Briten waren es auch, die den Polosport nach Südamerika brachten. Dort angekommen, war sein Siegeszug nicht mehr aufzuhalten. Die Argentinier waren verrückt nach dem Spiel hoch zu Ross. Und während Europa im 20. Jahrhundert seine Kriege kämpfte und Polo aus den Augen verlor, holten die Südamerikaner in Know-how und Technik mehr als auf und sind heute die unbestrittenen Stars der Polowelt. Nirgends sonst gibt es so viele 10-Goaler wie dort.