Münster. Michael Klimke und Sebastian Schneberger gehören zu den schillerndsten Figuren der westfälischen Reitsportszene. Sie sind beide erfolgreiche Unternehmer – und könnten doch unterschiedlicher nicht sein: Der eine ist Dressurreiter, der andere Polospieler. Einer ist Anwalt für Pferderecht und Besitzer eines Turnierstalls, der andere leidenschaftlicher Weltenbummler und erfolgreich im Biotechnologie, und Finanzsektor. Anlässlich des anstehenden Polopicknicks am 26. und 27. Juli am Hugerlandshofweg, Münster, und dem Turnier der Sieger Anfang August haben sich beide in der münsterischen Innenstadt auf einen Wein getroffen und ein wenig über ihren Pferdesport gesprochen.

Herr Klimke, Sie waren vergangenes Jahr zum ersten Mal beim Polopicknick. Wie hat es Ihnen gefallen?
Klimke: Sehr gut: Eine sehr schöne, entspannte Veranstaltung mit einem angenehmen Publikum und unfassbaren Besucherzahlen für ein Poloturnier. Die liebevolle Organisation geht auf die Menschen über – das spürt man.

Schneberger: Wir haben vielfach festgestellt, dass das Publikum im Vergleich zu Eurem ‚Turnier der Sieger‘ sehr ähnlich ist.

Klimke: Das wird in der Masse sicherlich so sein. Wir haben beim ‚Turnier der Sieger‘ natürlich noch ein paar mehr Pferdezüchter und Reitsportaffine. Ich denke, das Polopicknick spricht ein breites Publikum an – unter anderem durch den Eventcharakter.


Herr Klimke, würden Sie gerne mal auf einem Polopferd sitzen und den Schläger schwingen?
Klimke: Ich bin gespannt, wie das ist. Ja, das würde ich sehr gerne. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit beim Polopicknick dieses Jahr. Wer weiß, Sebastian, vielleicht bekomme ich ja Dein Pferd dazu, eine Piaffe zu machen?

Schneberger: Ich glaube eher, das wird schwierig. Aber dass Michael Polo spielt, kriegen wir sicherlich hin.


Herr Schneberger, trauen Sie sich auf ein Dressurpferd?
Schneberger: Klar, aber damit tut man dem Pferd keinen großen Gefallen. (Lacht)

Klimke: Ach, warum nicht? Ich denke, ausgebildete Reiter kommen damit schon klar. Wichtig ist, dass man Zugang zum Tier hat und generell ein Pferd halten kann. Ich bin mir sicher, Du würdest schnelle Fortschritte erzielen. Auch das sollten wir mal ausprobieren. Aber dann bitte ohne Poloschläger.

Schneberger: Bei der Siegerehrung des „Turniers der Sieger“ vergangenes Jahr hat Meredith Michaels-Beerbaum tatsächlich auf einem meiner Polopferde gesessen. Witziger Weise hat das niemand bemerkt. Als sie in einer Kurve einreiten wollte, ist das Pferd fast stehen geblieben und wusste nicht weiter. Das muss man sich mal vorstellen: Bei einer der besten Springreiterinnen der Welt streikt das Tier einfach.

Klimke: Wirklich? Woran lag’s?

Schneberger: Zwei Hände am Zügel kennt das Pferd so nicht.

Klimke: Na klar, Ihr habt ja den Schläger in einer Hand. Bei uns ist das Pferd eine konstante Anlehnung an den äußeren und inneren Zügel gewöhnt.

Schneberger: Unsere Pferde gehen auch selten seitwärts.

Klimke: Achso? Ich dachte, es würde Spielzüge geben, die das verlangen?

Schneberger: Im Gegenteil. Wir reiten in ein Foul hinein, wenn wir nicht die Linie geradeaus halten. Seitwärtsbewegungen werden so gut wie gar nicht trainiert, außer beim Abreiten, das wäre ja mal was neues in der Dressur.


Apropos: Worin unterscheidet sich Dressur von Polo Ihrer Meinung nach am meisten?
Klimke: Das sind schon zwei völlig verschiedene Dinge. Ich denke, beim Polo sind Spieler und Pferd gleichsam gefordert. In der Dressur ist das Pferd der Sportler. Wir arbeiten sehr intensiv mit dem Pferd, trainieren es wie einen Leichtathleten. Dafür machen wir verschiedene Übungen mit dem Ziel, möglichst ästhetische Bewegungsabläufe und Haltungen zu erzielen. Ich will dabei nicht von Kunst sprechen, aber das hat sicherlich einen künstlerischen Aspekt.

Schneberger: Das stimmt schon. Polo ist ein Mannschaftssport und damit grundverschieden. Die Kommunikation der Spieler ist elementar. Trotzdem sagen wir, zirka 80 Prozent der Leistung gehen vom Pferd aus. Wir trainieren sehr viel und intensiv mit den Pferden, aber nicht auf so einem feingliedrigen, formvollendeten Level wie Ihr. Dafür sind Poloponys sehr nervenstark und cool. Sie lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, weil sie Extremsituationen aus den Wettkämpfen kennen. Ein Unterschied noch: Mit Polo kann man auf Turnieren kein Geld verdienen.

Klimke (lacht): Das ist bei der Dressur auch so. Reich wird man auf den Turnieren nicht. Wenn es um den Handel geht, lässt sich allerdings schon ein bisschen was umsetzen.


Wie ist das mit der körperlichen Fitness der Reiter?
Klimke: Da gebe ich gerne zu, dass Polospieler fitter sein müssen und ihren Körper stärker einbringen.

Schneberger: Ein durchtrainierter Spieler sieht ja auch besser aus. (Lacht) Aber bei der Dressur muss man doch auch einige körperlich anstrengende Bewegungen machen? Du siehst ziemlich fit aus …

Klimke: Nun, so ganz unsportlich sollte man nicht sein. Aber mit einem guten Pferd lässt sich vieles kompensieren. Was mich angeht: Ich habe im vergangenen halben Jahr ordentlich abgenommen. Vorher war es mit meiner Fitness nicht weit her – und da bin ich ja auch erfolgreich geritten. Ich will es so sagen: Mein körperliches Defizit hat mich dabei nicht eingeschränkt.


Wie sieht’s mit der Pflege aus? Bei der Dressur und beim Polo werden die Haare der Pferde ja zumindest ähnlich geflochten?
Schneberger: Der Friseur ist der gleiche, der Schnitt ist allerdings anders. Beim Polo geht’s beim Flechten des Schweifs eher um Sicherheit…, damit sich da kein Schläger verfängt.

Klimke: Bei der Dressur hat das rein ästhetische Gründe. Das Pferd soll eine möglichst schöne, formvollendete Figur hinterlassen. Das hat an der Stelle nichts mit Pragmatismus zu tun.


Und ansonsten Pflege? Wie sieht es mit Futter aus?
Schneberger: Polopferde sind körperlich ordentlich gefordert, daher könnte es sein, dass sie mehr fressen. Auf der anderen Seite sind sie kleiner… gut möglich, dass sich das die Waage hält. Schwarzer Hafer und Alphaalpha helfen immer.

Klimke: Beim Futter gibt´s sicherlich keine großen Unterschiede. Ich setze eh traditionell maßgeblich ganz traditionell auf Hafer und Heu, vor einem Wettkampf auch Elektrolyte und Vitamine. Aber was die moderne Industrie da alles hervorbringt an Supernahrung, ist eh Quatsch in schönen Verpackungen. Es gibt da ja mittlerweile zig Firmen, die meinen, sie hätten das Wunderfutter entwickelt. Kann ja sein – nur wirken tut es offensichtlich nicht.

Sebastian: Das sehe ich auch so, mal on top Elektrolyte oder andere Zusatzstoffe, aber im Allgemeinen sind es die Basics.

Klimke: Am Ende ist es so wie bei uns Menschen. Ich habe, wie bereits gesagt, 15 Kilo abgenommen, weil ich weniger gegessen und mehr Sport gemacht habe. Ich glaube an diese ganzen Diät-Super-Programme nicht. Es ist ganz simpel: Du frisst weniger, Du wirst schlanker. Du frisst mehr, Du wirst dicker. Dafür muss ich keine seitenlangen Anleitungen für irgendwelche Verdauungs-Pillen lesen.


Was sind Gemeinsamkeiten?
Klimke: Bei uns haben Pferde die reifeste Zeit zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr. Ist das bei Euch auch so?

Schneberger: Ja, ich hätte aus dem Bauch heraus einen ähnlichen Zeitraum genannt, vielleicht minimal früher.

Klimke: Ich denke, was für uns beide wichtig ist, ist die bedingungslose Kontrolle über das Tier. In der Dressur nennt man das Durchlässigkeit, das ist aber im Prinzip das gleiche.

Sebastian: Und natürlich die Begeisterung zu Pferden ganz allgemein. Der Geruch des Stalls, das Schnauben, die viele Bewegung in der Natur. Ich denke, das verbindet alle Reiter.


Aber Dressurreiten hat in Deutschland immer noch einen größeren Bekanntheitsgrad als Polo. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Schneberger: Ich glaube, das Dressurreiten hat in der Nachkriegsgeschichte bis in die 70er sportliche Erfolge für Deutschland geschrieben, wie kaum eine zweite Sportart. Das hat Selbstbewusstsein und Identifikation enorm gefördert – und damit die Beliebtheit extrem gesteigert.

Klimke: Dem ist kaum was hinzuzufügen. Die Reiter sind nach dem zweiten Weltkrieg in der Öffentlichkeit nahezu mystifiziert worden: Denken Sie nur an einen Hans-Günther Winkler, Fritz Tiedemann, Alvin Schockemöhle oder auch meinen Vater.


Herr Klimke, Hand aufs Herz: Wenn Sie sich unter Dressurreitern über Polo unterhalten – wird da schon einmal gewitzelt?
Klimke: Ich denke, es gehört dazu, dass man sich gegenseitig hin und wieder neckt. Die Rasanz und Schnelligkeit des Spiels ist für uns ungewöhnlich. Klar kommen da schon mal Sprüche – aber ich denke, das ist eine Mischung aus Augenzwinkern und Überraschung – und vielleicht sogar ein bisschen Neid.


Herr Schneberger, wie spricht ein Polospieler über Dressurreiter?
Schneberger: Eigentlich sehr respektvoll. Wir erkennen an, dass es sich um eine unglaubliche Leistung und tolle, gut trainierte Pferde handelt, nur die Hosen wären uns zu eng…


Herr Klimke, warum würden Sie anfangen, Polo zu spielen?
Klimke: Ich sehe es nicht kommen, aber wenn, dann sicherlich wegen der legendären Parties.


Herr Schneberger, wann fangen Sie mit Dressur an?
Schneberger: Wenn ich nach ein paar Drinks zu viel eine Wette verliere oder mal aus Neugier.

Michael Klimke

Dressurreiter Michael Klimke. (© Holger Schupp)