Text: John Francis Jackson

Palermo. Nicht die Stadt in Sizilien ist gemeint, sondern der Bezirk in der Stadt Buenos Aires. Hier liegt der Club Hípico Militar. Von Polobegeisterten wird eines der zwei Spielfelder liebevoll „La Catedral“, die Kathedrale, genannt. Palermo ist für Polo wie Wimbledon für Tennis oder St. Andrews für Golf. Es ist Schauplatz des angesehensten Poloturniers, der Argentine Open. Dieses Jahr feiert das Turnier seinen 120. Geburtstag. Und dieser könnte einige unerwartete Überraschungen mit sich bringen.

Zwar stammt Polo nicht aus Argentinien, aber hier hat das Spiel seinen Höhepunkt erreicht. Seit 80 Jahren dominieren argentinische Teams den Polosport und die talentiertesten Spieler der Welt stammen heute aus Argentinien. Die Argentine Open, die Tortugas Open und die Hurlingham Open, auch als die drei Turniere der Argentine Triple Crown bekannt, sind die einzigen Turniere weltweit, die es den Spitzenteams mit einem Handicap von bis zu +40 erlauben, sich auf einer Ebene miteinander zu messen. Aus diesem Grund sind die Open DAS Turnier, das es zu gewinnen gilt.

Die Argentine Open fanden erstmals im Jahr 1893 unter dem Namen River Plate Polo Championship statt und behielten diesen Titel bis 1923 bei. Seit seiner Gründung hat das Turnier jedes Jahr ohne Unterbrechung stattgefunden, trotz zweier Weltkriege. Lediglich im Jahr 1985 wurde das Finale aufgrund einer Tierseuche erst im Mai des darauffolgenden Jahres (1986) ausgetragen. Bis heute gibt es nur eine ausländische Mannschaft, die diese Meisterschaft gewonnen hat. Im Jahr 1932 siegte das amerikanische Team Meadow Brook mit einem Handicap von +30.

Gewiss, auch nicht-argentinische Spieler haben an den Argentine Open teilgenommen und gewonnen. Am bemerkenswertesten war der mexikanische Spieler Carlos Gracida, der die Open sechs Mal gewann. Er war Mitglied des zweiten von insgesamt fünf Teams, das die Open mit einem Teamhandicap von +40 gewann.

In den Jahren 1989 und 1990 gewann Gracida mit der Mannschaft La Espadaña und 1994 siegte er gemeinsam mit Ellerstina bei der Triple Crown in Argentinien. Außerdem ist er der einzige Spieler in der Geschichte des Polosports, der die Grand Slam-Turniere des Polo (die US Open, die British Open und die Argentine Open innerhalb eines Kalenderjahres) gewann und dies sogar dreimal: 1988, 1989 und 1994.

Das erfolgreichste Team in der Geschichte der Argentine Open war Colonel Suaréz, das den Titel insgesamt 25 Mal gewann. 20 dieser Siege (in 22 Jahren) geschahen unter der Führung von Juan Carlitos Harriott, dem vielleicht größten Polospieler in der Geschichte des Polosports. Im Laufe der Zeit hatte Harriott unterschiedliche Teamkollegen, inklusive seines Vaters Juan Carlos Harriott, der bei Harriotts ersten sieben Siegen mit ihm spielte.

Danach waren sein jüngerer Bruder Alfredo (13 Open Titel), sowie die Brüder Horacio und Alberto Heguy (19 bzw. 17 Meisterschaften) seine regelmäßigen Teamkollegen. Diese Mannschaft war die erste mit einem Teamhandicap von +40, was bedeutet, dass alle Spieler ein Handicap von +10 haben, das höchstmögliche Handicap im Polo. Das Team trat in dieser Aufstellung in den Jahren 1975, 1977, 1978 und 1979 an.

Im Jahr 1980 erschienen zwei Teams auf der Bildfläche, die seitdem die Geschichte des argentinischen Polo geprägt haben. Das erste war La Espadaña, angeführt von Gonzalo Pieres. Dieses Team gewann insgesamt sechs Open und war das zweite Team, das mit einem Handicap von +40 antrat.

Das zweite wichtige Team war Indios Chapaleufú. Sie verzeichneten ihren ersten Meisterschaftssieg 1986, als sie die favorisierte Mannschaft La Espadaña schlugen. Zu dieser Zeit spielten drei Brüder in der Mannschaft, alle drei Söhne von Horacio Heguy. Die Zwillinge Gonzalo und Horacito und ihr jüngerer Bruder Marcos spielten gemeinsam mit Alejandro Garrahan für Indios Chapaleufú.

1991 siegte Indios Chapaleufú erneut, dieses Mal mit dem jüngsten der Heguy-Brüder Bautista an der Stelle von Garrahan. Die Vier wurden das erste Team, das nur aus Brüdern bestand und die Meisterschaft gewann. In den Jahren 1992, 1993 und 1995 wiederholten die Vier diesen Erfolg, 1992 wurden sie das dritte Team, das mit einem Handicap von +40 antrat. Alle neun Mitglieder der Heguy-Familie erhielten im Laufe ihrer Karriere ein Handicap von +10.

Inzwischen hatte sich La Espadaña aufgelöst und ihr Kapitän Gonzalo Pieres stellte im Laufe der 90er Jahre eine neue Mannschaft zusammen. Bei seiner Suche entdeckte er die beiden extrem talentierten Spieler Mariano Aguerre und Adolfo Cambiaso. Gonzalo nahm den 17-jährigen Mariano, der damals ein Handicap von 0 hatte, mit in die USA, um dort mit ihm zu spielen.

Später kombinierte er das Talent von Aguerre mit dem des fünf Jahre jüngeren Adolfo Cambiaso und formte daraus die neue Mannschaft Ellerstina. 1992 traten sie gemeinsam bei den Turnieren der Triple Crown an und siegten in den Jahren 1994, 1997 und 1998 bei den Open. Von 1991 bis 2001 gingen alle Titel der Argentine Open entweder an Indios Chapaleufú, an Indios Chapaleufú II oder an Ellerstina.

Mit dem neuen Jahrtausend erschienen zwei neue Mannschaften auf der Bildfläche, die die Argentine Open seitdem dominieren. Adolfo Cambiaso gründete sein eigenes Team La Dolfina, mit dem er in den Jahren 2000 und 2001 am Finale teilnahm und 2002 den Sieg davontrug. Mariano Aguerre spielte für eine Reihe von Teams und errang 2001 den Titel mit der Mannschaft Indios Chapaleufú. Hier spielte er auf der Position von Gonzalo Heguy, der 2000 bei einem Autounfall tödlich verunglückt war.

Im Jahr 2003 sicherte sich eine weitere Vier-Brüder-Kombination den Titel, bestehend aus den Astrada-Brüdern Javier, Eduardo, Miguel und Ignacio. In dem Jahr gewannen sie alle drei großen argentinischen Titel. 2004 waren die Heguys wieder mit dabei: Alfredo Pedros Söhne Alberto, Ignacio und Eduardo spielten nochmals für Indios Chapaleufú und gewannen gemeinsam mit Milo Fernandez die Open.

Aber Gonzalo Pieres fuhr damit fort, neue Teams zu gründen. Mittlerweile waren zwei seiner drei Söhne alt und talentiert genug, um auf dem höchsten Wettkampflevel anzutreten, da sowohl das Handicap von Gonzalito als auch das von Facundo auf +10 erhöht worden war. Sie begannen an den Open unter dem Namen Ellerstina teilzunehmen und erreichten im Jahr 2005 das Finale, in dem sie von Adolfo Cambiaso und seinem Team La Dolfina geschlagen wurden.

La Dolfina siegte auch in den Jahren 2006 und 2007, beim letzteren gegen Ellerstina. 2008 konnte Ellerstina La Dolfina im Finale endlich schlagen. Dies war der Beginn einer außergewöhnlichen Rivalität, die bis heute andauert. Seit 2007 begegnen sich die beiden Teams jedes Jahr erneut im Finale. 2009 und 2011 siegte La Dolfina, 2010 und 2012 war Ellerstina an der Reihe. Beim letzten Sieg spielten Facundo und Gonzalito gemeinsam mit ihrem jüngsten Bruder Nicolas sowie ihrem Schwager Mariano Aguerre. Mehrere dieser Finalspiele wurden in der Verlängerung durch Sudden Death entschieden. Sowohl La Dolfina als auch Ellerstina haben ein Teamhandicap von +40.

Womit wir uns im Jahr 2013 befinden und einer äußerst ungewöhnlichen Situation gegenüber stehen. Von allen Spielern, die zu den Argentine Open angetreten sind, gibt es drei, die jeweils acht Siege verzeichnen können und in diesem Jahr mit dem neunten den Rekord knacken könnten. Diese drei sind Gonzalo Pieres, Mariano Aguerre und Adolfo Cambiaso. Wenn sich die Geschichte dieses Jahr wiederholt, dann ist zu erwarten, dass sich La Dolfina und Ellerstina wie schon bei den letzten sechs Titeln im Finale gegenüber stehen werden. Adolfo Cambiaso wird wieder einmal gegen Mariano Aguerre antreten. Der Gleichstand von acht Siegen wird nach diesem Spiel beendet sein.

Viele glauben, dass Adolfo Cambiaso der beste Spieler ist, der jemals Polo gespielt hat. Obwohl seine Teams niemals so vorherrschend waren wie Colonel Suaréz von Harriott, dominiert Cambiaso seine Gegner und hat die Art und Weise, wie Polo gespielt wird, verändert. Heute kann ein einzelner Spieler die Bemühungen eines ganzen Teams ausgleichen.

Die diesjährigen Argentine Open bieten die Möglichkeit mitzuerleben, wenn die Geschichte des Polos neu geschrieben wird. Palermo in Buenos Aires ist der Ort, an dem man im November und Dezember sein sollte.

Siege nach Spielern bei den Argentine Open:
20 Juan Carlos Harriott (Jr)
19 Horacio Heguy
17 Alberto Pedro Heguy
13 Alfredo Harriott
12 Enrique Alberti
11 Juan A.E. Trail
10 Juan Carlos Alberdi
9 Gonzalo Pieres
9 Adolfo Cambiaso
9 Mariano Aguerre

 

Titel nach Clubs:
Team Titel
Coronel Suárez 25
Hurlingham 14
North Santa Fe 8
El Trébol 8
Venado Tuerto 7
La Espadaña 6
Indios Chapaleufú 6
La Dolfina 6
Ellerstina 6
Indios Chapaleufú II 4
The Casuals 3
Las Rosas 3
Santa Inés 3
Santa Paula 3
Santa Ana 3
Las Petacas 2
Western Camps 2
Flores 1
La Victoria 1
San Carlos 1
Palomar 1
Coronel Suárez-Los Indios 1
La Rinconada 1
Meadow Brook 1
Tortugas 1
Los Indios 1
Los Pingüinos 1
Coronel Suárez II 1
La Aguada 1