Ein Bericht von Frank Sauer.

Wir sind in St. Moritz, wohin schon Mitte des vorletzten Jahrhunderts Engländer mit diversen Gebrechen und Krankheiten kamen, um gerade diese auszukurieren. Aber seit dem Jahre 1885 gibt es in St. Moritz außer Erholung und frischer Luft auch noch eine der letzten wahren Herausforderungen für Abenteurer, Familienväter, Geschäftsleute, Verrückte: den Cresta Run.

Vor rund 125 Jahren war es zu Ende mit der ruhigen Erholung, als der Cresta Run von englischen Wintersportbegeisterten ins Leben gerufen wurde. Im Jahre 1885 wurde der St. Moritz Tobogganing Club, kurz SMTC genannt, gegründet. Ein Toboggan ist ein Brett mit zwei Kufen, einst gedacht, den amerikanischen Indianern den Transport von Fellen und totem Fleisch zu erleichtern. Nun, eine flache Oberfläche und zwei Kufen haben die heutigen Toboggans auch heute noch und an „totes Fleisch“ erinnern auch die Cresta-Anfänger bei ihren ersten Versuchen, den Cresta Run heil nach Celerina ins Ziel zu überleben.

Nicht nur SMTC-Mitgliedern ist es vergönnt, diesen Sport auszuüben. Alle Cresta members waren ja schließlich auch mal Anfänger. Und Anfänger werden – nach der Ablieferung von 600 Schweizer Franken sowie des Nachweises einer Krankenversicherung – in der Umkleidekabine von Victoria, einer strammen Dame fortgeschrittenen Alters, fachmännisch ausgerüstet. Dazu gehören Eishockeyschuhe ohne Kufen, aber dafür mit Eisendornen an den Schuhspitzen, Lederpolster für Ellenbogen und Knie sowie Helm und – falls nötig – eine Portion Aufmunterung. Danach geht es zum sogenannten „death talk“, wobei es dem Anfänger wohl schwer fällt, dem Secretary des Clubs, Mr. David Payne (wie in „pain“??), zuzuhören oder in Anbetracht des zusammengepflasterten, lebensgroßen Röntgenbildes, das alle nur erdenklichen Knochenbrüche darstellt, die Mitgliedern des SMTC bereits auf dem Run zugestoßen sind, sich die Frage nach dem Sinn des frühen Aufstehens zu stellen. Besonders eindrucksvoll oder auch schockierend ist wohl das Metallkorsett, welches dem Vorgänger von Mr. Payne, dem legendären Lt.Colonel Digby Willoughby, half, seinen Kopf am Rumpf zu halten. Aber zuhören sollten Anfänger ganz genau, denn nur so ist ein einigermaßen sicherer Ritt hinunter ins Ziel in Celerina möglich.

Nach dem „death talk“ geht’s raus in die Kälte und Anfänger werden von dem „Guru“ übernommen, um die finalen Instruktionen in die Schädel zu hämmern. Ehre verbietet es wohl, nun noch einen Rückzieher zu machen, obwohl gerade dies nun auch noch möglich ist. Aber egal, der Name wird gerufen und du musst „in the box“. Anfänger starten von „Junction“, welches die letzten beiden Drittel des Runs sind. Um von „Top“ starten zu dürfen, muss man sich erst mit schnellen Zeiten qualifizieren, da dieses erste Drittel noch gefährlicher sein soll. Geht das überhaupt noch? „In the box“ steigen bedeutet, Toboggan fachmännisch in den Run bei Junction zu heben, wo der Guru sowie ein Angestellter des Clubs warten, um mit seinem Fuß vor dem Tobaggan diesen daran zu hindern, schon von alleine abzuhauen.

Man liegt auf dem Toboggan, das Kinn zehn Zentimeter über dem spiegelnden Eis. Letzte Instruktionen und dann ertönt schon die „bell“, der Fuß geht weg und der Höllenritt geht los. Was hat der Guru noch gesagt?? Ach ja, zehn Meter laufen lassen, dann die Eisspitzen fest in das Eis bis zur ersten Kurve krallen und danach einfach Spaß haben. Spaß? Links und rechts gegen die Eiswand, der Toboggan macht, was er will, die Oberschenkel glühen bereits. Aber Gott sei Dank heil um die berüchtigte Shuttlecock Kurve manövriert und die „Landezone“ dahinter nicht nutzen müssen. Langsamer wird es dann aber trotzdem nicht, sondern immer schneller. Aber genau das sucht ja der Cresta Fahrer: Speed! Aber dann plötzlich weicht die anfängliche Verkrampfung (sprich: Angst) und ein berauschendes Gefühl überkommt jeden, der im Rausch der Geschwindigkeit kopfüber gen Ziel fliegt. Und am Ziel ist man dann völlig außer Puste, obwohl man ja eigentlich nur wie „totes Fleisch“ Passagier auf einem Schlitten war! Und das alles in zirka 70 Sekunden, wenn man den Instruktionen des Gurus gefolgt ist. Fühlt sich rasend schnell an.

Aber der Rekord steht bei 41.02 Sekunden, gehalten von Johannes Badrutt. Genau, wie in St. Moritz „Badrutt Palace Hotel“, das legendäre Hotel im Herzen des Örtchens. Und von ganz oben – „Top“ – dauert es für die Besten nicht viel länger. Der Rekord steht bei 50.09 Sekunden, gehalten von dem Engländer James Sunley. Anders gesagt sind das Geschwindigkeiten von bis zu 130 km/h! Aber diese Zeiten sind für den Anfänger einfach nur Fabelzeiten. Jetzt hat der Cresta-Virus zugebissen und man will nur wieder „in the box“. Bis dann der Vormittag vorbei ist, der Cresta Run für den Tag geschlossen wird und man ist erschöpft, aber glücklich, den heutigen Tag (relativ) heil überlebt zu haben.

Und im Gefühl der Freude, welches schon einem Delirium gleichkommen kann, verbringt der zufrieden-glückliche Cresta-rider dann auch noch Lunch inmitten seiner Mit-Gladitoren, meistens in der Sunny Bar im legendären Kulm Hotel, bevor die Nacht zum Tage in einem der wohl berühmt-berüchtigsten Clubs der Welt, dem Dracula Club, gemacht wird. Und das alles, bevor am nächsten Morgen in eisiger Kälte wieder das Kommando „in the box“ ertönt.

Was bringt Cresta-riders zusammen? Ein unglaubliches Gefühl, Geschwindigkeit hautnah zu fühlen und eine Kameradschaft, geboren durch die Tatsache, dass „in the box“ jeder gleich ist, ob Abenteurer, Familienvater, Geschäftsmann oder eben Verrückter.


Bild: www.crestaphotos.com  Bild: www.crestaphotos.com  Bild: www.crestaphotos.com  Bild: www.crestaphotos.com


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