Ein Bericht von Britta Krane

Es muss ein faszinierender Anblick gewesen sein, der sich den britischen Offizieren 1859 im ostindischen Manipur bot: bunt gekleidete Männer mit Schlägern in der Hand, auf kleinen Ponys einem Ball hinterher jagend. Nie mehr sollte sie dieses Spiel der Könige loslassen und genauso gefesselt von dem Anblick ist jetzt, mehr als 150 Jahre später, eine deutsche Reisegruppe zurück aus dem indischen Bundesstaat Manipur, dem Geburtsort des heutigen Polosports, gekehrt.

Barfuss, die Waden mit buntem Stoff umwickelt. Ein weißer Turban auf dem stolz erhobenen Kopf, wie einen Speer hält er in der rechten Hand den Schläger, verziert mit roten Bändern. Einem Krieger gleich sitzt er auf dem Ross, das mit kleinen, aber schnellen Schritten übers Feld galoppiert, dem Ball hinterher in einem rauen Spiel ohne Regeln. Noch heute sieht er so aus, der traditionelle Reiter der Manipuris. Sein Pferd, ein Manipuri-Pony aus den Ausläufern des Himalaya, nicht höher als 1,35 Meter und mittlerweile vom Aussterben bedroht. Die kleinen Manipuri-Ponys sind in der weltweiten Poloszene in Vergessenheit geraten. Heute, viele Jahrzehnte nach der Begegnung zwischen britischen Kolonialbesetzern und Manipuri-Reitern, dominieren vor allem Vollblüter und argentinische Mestizos den Sport.

„We gave the world the game of Polo“ – unter diesem Motto lud darum jetzt die Manipur Horse Riding & Polo Association zu einem internationalen Turnier in Imphal, der Hauptstadt Manipurs, ein. Die schützenswerten Tiere und die Geschichte des Polo sollten bei diesem Turnier weltweit in den Fokus gerückt werden.

Auch Deutschland erreichte, dank des weltweiten Engagements des ehemaligen HPA Chairman Nicholas Colquhoun-Denvers eine Einladung: Am 21. November traten die Polospieler Günther und Jan-Marie Kiesel, Alexander Piltz, Wolfgang Kailing und Philipp Prinz zu Stolberg-Wernigerode ihre Reise nach Indien an – zum 6. Manipur Polo International Turnier in den 18-Millionen-Einwohner-Staat Manipur. Ein Turnier, das wohl niemand von ihnen so schnell vergessen wird. Die Gegner: Team England, Team Frankreich, Team Thailand, Team India A aus Neu-Delhi und Team India B aus Manipur – letzteres sollte sich als der härteste Gegner erweisen.

Denn, was unser deutsches Team völlig unterschätzt hatte: Die Manipuri-Ponys sind zwar schnell, aber auch sehr eigenwillig. Schon die Statur der Pferde verlieh vor allem den im Vergleich zu den Indern wesentlich größeren Herren eine gewisse Komik. Aber vor allem die Bewegung der Tiere entsprach so überhaupt nicht den Gewohnheiten europäischer Polistas: War das Pferd einmal im Galopp, hatten nicht nur unsere deutschen Spieler ihre Mühe, die flinken Himalaya-Tiere zu stoppen. Martingal: Fehlanzeige, und auch die manipurische Art der Besattelung sollte zu einigen, ob der niedrigen Fallhöhe zum Glück harmlosen, Stürzen der Europäer führen. Und das schon beim ersten Duell der Deutschen gegen England: Team England hatte bereits vor tausenden Zuschauern das feierliche Eröffnungsspiel im Stadion von Imphal gegen Team India B Manipur bestritten. „Die Engländer hatten uns ein Spiel Erfahrung voraus, während wir uns noch an das Manipuri-Polo gewöhnen mussten“, begründet Günther Kiesel die deutliche 9:0-Niederlage gegen England, „trotzdem hatten wir unglaublich viel Spaß auf dem Platz.“

Die Gastfreundschaft der Manipuris ließ das verlorene Spiel schnell vergessen: Denn in Manipur ging es nicht nur um Polo, sondern auch um die Kultur des Landes: Nach langer Zeit waren die Spieler mit ihren Frauen die ersten Touristen, die der indische Staat empfing. Darum hatten die Mitglieder der Manipur Horse Polo Association jeden Tag ein anderes Programm vorbereitet: Traditionelle Tänzerinnen, manipurische Kampfkunst, ein Ausflug zum größten Süßwasser-See Nordost-Indiens, dem Lake Loktak, sowie natürlich ein Besuch der Ponyfarm der MHRPA, auf welcher Manipuri-Ponies gezüchtet werden, waren nur einige der vielen Überraschungen, die die Gäste erleben durften. Höhepunkt der kulinarischen Eindrücke war mit Sicherheit ein traditionelles Dinner, bestehend aus Reis und kalt-warmen Beilagen, das die Manipuris ihren Gästen am vorletzten Abend servierten: Als Teller diente ein großes Blatt, als Besteck die rechte Hand und als Tisch der Boden.

„Die Gastfreundschaft ist kaum in Worte zu fassen“, sagt Alexander Piltz, “trotz der vielen politischen Probleme, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten erleben musste.“ Seit ungefähr 50 Jahren versucht die indische Zentralregierung durch Einsatz von Militär verschiedene Terroristengruppen einzudämmen. Separatisten, wie eine Untergrundbewegung der Naga, die für einen unabhängigen Naga-Staat kämpft, oder die burmesisch-stämmige Volksgruppe der Kuki. So wird Manipur seit Jahren immer wieder in einen politischen und rechtlichen Ausnahmezustand versetzt und vom indischen Militär verwaltet. Trotz dieser Maßnahmen gibt es daher eine gewisse, grenzüberstreitende politische Instabilität in der Region.

Davon spürten die Gäste in dem Land allerdings nichts: Im Stadion herrschte jeden Tag ausgelassene Stimmung unter den einheimischen Zuschauern. „So ein Publikum wünscht man sich in Deutschland“, beschreibt Jan-Marie-Kiesel die Atmosphäre während der Spiele. Sie kommentierte die Chukker mit Witz und Esprit und sorgte dabei selbst bei den hochrangigen offiziellen Gästen, wie dem Gouverneur Manipurs, für lachende Gesichter. Diese Stimmung übertrug sich auf den Platz, wo die Deutschen ihr zweites Spiel, immerhin gegen den späteren Gesamtsieger Team India B Manipur, mit 3:15 nicht ganz torlos verloren. Ein späterer Sieg gegen Frankreich im Freundschaftsspiel von 6:3 rettete die Ehre der Deutschen – übrigens dabei von allen Mannschaften mit der einzigen Frau auf dem Platz: Jan-Marie Kiesel tauschte ihr Mikrofon gegen einen Stick und holte gleich zwei Tore für ihr Team.

Im Finale des 6. Manipur Polo International standen am Ende dann aber doch die beiden Mannschaften, deren Reiter so viel eleganter auf den kleinen Manipuri-Ponys übers Feld galoppierten: Team India A aus Neu-Delhi und Team India B aus Manipur. Manipur gewann dieses Duell.

Einen besonderen Auftritt hatte Deutschland trotzdem noch: Wolfgang Kailing und Alexander Piltz durften bei einem traditionellem Manipuri-Polospiel, oder auch Sagol Kangjei, antreten – ohne feste Regeln setzen die einheimischen und die eingeladenen Reiter alle Mittel ein, um an den Ball zu kommen: Sogar absteigen und Handspiel waren erlaubt. Barfuss im Steigbügel, weiße Turbane auf den Kopf und die Schläger bunt verziert – es war ein faszinierender Anblick, den die deutschen Reiter neben den einheimischen boten. Dort, wo vor mehr als 150 Jahren der heutige Polosport seinen Anfang nahm.


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